Vom Wildling bis zur edlen Rose der Rosenanbau im Rosenhof Schultheis

Erstes Produktionsjahr

Jedes Jahr im Frühjahr werden viele hunderttausend wurzelnackte Wildrosen der Sorte Rosa corymbifera Laxa in den fruchtbaren Lehmboden der Wetterau gepflanzt. Die kleinen Röschen sind nicht viel dicker als ein Bleistift, etwa 20 cm lang und haben so gar nichts von den wundervollen Rosenblüten, die sie später einmal hervorbringen werden. Diese Wildrosen werden auch Unterlagen genannt und bilden die Basis der veredelten Rose, den kräftigen Wurzelstock, aus. Sie werden auf dem Rosenfeld mit einer Pflanzmaschine in präzise Reihen gepflanzt. Das Einlegen der Rosen in große Pflanzscheiben ist bis heute noch Handarbeit und verlangt Geschick, denn die Rosen müssen vom Pflanzrad immer in ausreichender Tiefe und in gleichmäßigem Abstand in den Boden gedrückt werden. Zur späteren Veredlung ist es wichtig, dass alle 2-3 cm langen Wurzelhälse in der gleichen Höhe aus dem Boden schauen.

Bis Ende Juni haben sich aus den dünnen Pflänzchen kräftige Wildrosenbüsche von etwa 30 cm Höhe entwickelt. Bis jetzt sieht das Feld sehr einheitlich grün aus und man wird als Spaziergänger immer noch, ohne etwas von einem Rosenfeld zu ahnen, vorbeigehen. Anfang Juli, wenn die Sonne mit voller Kraft auf die Rosenjungpflanzen herunter brennt und sich diese in vollem Wachstum befinden, beginnt für den Rosenkultivateur die schweißtreibende Zeit des Veredelns.

Um jede der Wildrosenunterlagen mit verschiedenen Rosensorten veredeln zu können, benötigt man zuerst Augen von über tausend Rosensorten. Diese Rosenaugen sind Blattknospen, die in den Blattachseln abgeblühter Rosentriebe sitzen. Hierbei darf nichts durcheinander kommen, denn jede Rosensorte ist einzigartig und muss sortenrein erhalten werden. Rosenaugen werden entweder von älteren Mutterpflanzen oder von einem Rosenfeld im zweiten Produktionsjahr geschnitten, das zu dieser Zeit in voller Blüte steht und einen herrlichen Anblick bietet. Je nach Sorte werden auf dem Rosenfeld unterschiedliche Mengen abgeblühter Rosentriebe geschnitten. Von Raritäten werden nur etwa 30, von den beliebtesten Rosensorten bis zu 3000 Rosenaugen benötigt. Die Triebe, oder besser Edelreiser, werden im Betrieb entblättert und entstachelt, damit im Anschluss möglichst schnell veredelt werden kann.

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Rosen veredeln

Auf dem Wildrosenfeld werden die Rosenunterlagen mit den Rosenaugen nun der Reihe nach veredelt. Eigentlich eine schöne Tätigkeit, wenn sie nicht mit dem Kopf nach unten durchgeführt werden müsste, denn die zu veredelnden Wurzelhälse der Wildrosen befinden sich nur wenige Zentimeter über dem Boden. Dazu ist natürlich viel Geschick und einige Übung nötig, die Rosenaugen mit einem akkuraten Schnitt zuerst vom Edelreis zu trennen und im Anschluss hinter die Rinde des Wurzelhalses der Wildrosenunterlage zu setzen. Hierzu wird mit einem Veredlungsmesser zunächst ein T-Schnitt in die Rinde des Wurzelhalses geschnitten, anschließend die Rinde leicht gelöst, das Auge eingesetzt und schließlich der verletzte Wurzelhals mit einem speziellen Gummiband verschlossen. Damit ist das Edelauge vor Austrocknung geschützt. Et voilà! Eine Veredlung ist vollbracht. Nun müssen über die nächsten 6 Wochen hinweg nur noch hunderttausende Rosenaugen auf die gleiche Art und Weise eingesetzt werden. Die Edelaugen wachsen in den nächsten Wochen mit der Unterlagenwurzel zusammen, treiben aber noch nicht aus. Die Veredlung funktioniert nicht immer gleich gut. Sie hängt von der Rosensorte, dem Zustand der Rosenunterlage und ganz besonders vom Wetter ab. Die Anwachsergebnisse können je nach Sorte und Jahr von 90% bis 20% variieren.

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Zweites Produktionsjahr

Ein halbes Jahr später, der Winter ist gerade vorüber, werden die Wurzelhälse aller Wildrosenunterlagen einige Millimeter über der Veredlungsstelle mit Pressluftscheren abgeschnitten, damit das noch schlafende Edelauge zum Austreiben veranlasst wird. Anschließend wachsen langsam die Edelaugen aus der Veredlungsstelle heraus und erstmals kann an verschiedenen hellgrünen, dunkelgrünen oder rötlichen Laubfarben erkannt werden, wie viele verschiedene Sorten auf dem Rosenfeld zu wachsen beginnen. Jedoch wachsen nicht nur die Edelaugen sondern auch gerne wieder Wildrosen aus der Rosenwurzel hervor, so dass mehrmals alle Pflanzen auf Wildwuchs kontrolliert werden müssen. Dabei werden die Edeltriebe bis zu zweimal gestutzt ? der Fachmann nennt dies pinzieren, um sie zum Austreiben möglichst vieler Triebe zu veranlassen. Leider wachsen auf dem Feld nicht nur Rosen, sondern es gedeihen auf dem fruchtbaren Boden die schönsten Wildkräuter wie Distel, Melde, Vogelmiere oder Winden. Sie müssen natürlich von Hand oder mit Hacke mehrmals über den Sommer entfernt werden.

Mitte Juli steht das Rosenfeld zum ersten Mal in voller Blüte, die etwa 6 Wochen andauert. Es werden nur sehr wenige Schnittblumen geschnitten und fast alle Rosenblüten verwelken wieder auf dem Feld. Die abgeblühten Rosentriebe sind sehr wichtig, um wieder Rosenaugen für die Veredlung neuer Rosen schneiden zu können. Bis in den späten August hinein ist bestes Wachswetter und bei heißen Temperaturen wachsen die Rosen auf dem Feld dicht zusammen, so dass ein Durchkommen fast unmöglich wird. Manche Kletterrosensorten sind bis zu diesem Zeitpunkt aus einem kleinen schlafenden Rosenauge im Frühjahr zu stattlichen 2,5 m hohen Rosenbüschen herangewachsen. Gegen Ende September, wenn langsam die Tage kürzer werden und die Temperaturen zurückgehen, schließen die Rosen ihr Wachstum ab. Von nun an reifen die Triebe jeden weiteren Tag ein bisschen besser aus und mit jedem Tag nimmt die Qualität der Rosen zu. Je später die Rosen vom Feld geerntet werden, desto besser wachsen sie später beim Kunden wieder an.

Ab der ersten Oktoberwoche beginnt die Ernte des Rosenfeldes, dass nun Reihe für Reihe mit einer speziellen Erntemaschine für Rosen ausgefahren wird. Doch trotz moderner Technik kommt der Ernteprozess nur langsam voran, denn das Ernten ist Millimeterarbeit! Die Rosen werden mit einem Messer unterschnitten, die Wurzeln also etwa 30 cm unter der Erdoberfläche abgeschnitten. Nur eine kurze Unachtsamkeit und die Wurzeln werden zu stark gekürzt und die Rosen sind damit unverkäuflich. Bei Raritäten, von denen nur wenige Pflanzen im Jahr existieren, ein herber Verlust.

Es werden Tag für Tag nur wenige Rosenreihen geerntet, denn die geernteten Rosen müssen sogleich vom Feld transportiert und in feuchte Kühlhäuser eingelagert werden. Alle geernteten Rosen werden möglichst noch am selben Tag in verkaufbare A-Qualität mit mindestens drei Trieben und B-Qualität für die Weiterkultur sortiert. So landen schließlich 50-75% der geernteten Rosen in A-Qualität im Kommissionskühlhaus, dem Rosenkeller, in dem über 1000 Rosensorten in einzelnen Fächern gelagert werden. Es dauert mindestens bis zum 25. Oktober, bis alle wichtigen Hauptsorten des Rosensortiments geerntet, sortiert und als wurzelnackte Rosen eingelagert worden sind. Zu diesem Zeitpunkt beginnt der von Kunden und Produzent gleichermaßen herbeigesehnte Rosenversand. Früher wurden pro Auftrag etwa 2-3 Sorten in größeren Stückzahlen bestellt. Heute dagegen sieht ein Auftrag anders aus. Rosensammler aus aller Welt bestellen die verschiedensten Rosensorten, von der historischen Gallica-Rose bis zur Kletterrosenrarität. Meistens werden einzelne Pflanzen möglichst vieler Rosensorten gewünscht, was zu sehr aufwendiger Kommissionierung führt. In vielen Fällen befinden sich 80% der Rosen bereits im Rosenkeller und 20% befinden sich noch irgendwo auf dem Rosenfeld, dass permanent weitergeerntet wird. So werden, soweit alle Rosensorten schon vorhanden sind, jeden Tag einige hundert rosige Pakete, bei frostfreiem Wetter bis weit in den Dezember hinein verschickt.

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Drittes Jahr

Im März, wenn die letzten starken Fröste vorüber sind und die ersten Krokusse und Schlüsselblumen erblühen, beginnt erneut die Rosenpflanzzeit. Die wurzelnackten Pflanzen haben die Überwinterung bei 2°C im Kühlhaus gut überstanden und können noch bis Ende April gepflanzt werden.
Neben den wurzelnackten Rosen werden jetzt viele Rosen in Töpfe gepflanzt. Diese Containerrosen werden im März in Glashäusern und Folientunneln herangezogen, um über den ganzen Sommer hinweg Rosen anbieten zu können.

So geht der lange Produktionsweg der Rose, der vor drei Jahren mit dem Pflanzen der Wildrosenunterlagen begann, zu Ende.

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